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pommerland : Tags : blaetter
Steht auf der Grenze ein Baum, so gebühren die Früchte und, wenn der Baum gefällt wird, auch der Baum den Nachbarn zu gleichen Teilen. peter huchel AM TAGE MEINES FORTGEHNS entweichen die Dohlen durchs glitzernde Netz der Mücken. Am Acker klebt der Rauch des Güterzuges, der Himmel regenzwirnig, dann grau gewalkt, ein schweres Tuch, niedergezogen von der nassen Fahrspur. Namen, vernarbt and überwuchert von neuen Zellen, wie die verzerrte Schrift im Baum — ein eisiger Hauch fegt über die Tenne der Worte. Die Mittagsdistel erlosch im heuigen Licht der Scheune. Die leichte Dünung wehender Gräser verebbt an den Steinen. Gealtert geht das Jahr mit stumpfer Axt, ein Tagelöhner, auf den Spuren des Dachses über die Hügel davon. Die Leere saust in den lehmigen Löchern der Uferschwalben. wiegenlied For want of a nail, the shoe was lost; For want of the shoe, the horse was lost; For want of the horse, the rider was lost; For want of the rider, the battle was lost; For want of the battle, the kingdom was lost; And all for the want of a horseshoe nail. der autor istván vas schrieb mit vorliebe in unlinierte quarthefte, dutzendware mit einem deckblatt aus grauem altpapier und aufgeklebten etikett, auf dem man den inhalt des heftes vermerken konnte. bis zu seinem 36. lebensjahr hatte er eine beachtliche menge dieser hefte vollgeschrieben: längere und kürzere prosatexte, entwürfe für erzählungen, miniaturen, aphorismen und die für ihn charakteristischen elliptischen gedichte, die er vorwiegend auf reisen niederzuschreiben pflegte. alles das natürlich voller striche, korrekturen, querverweise, abbrüche, randglossen, markierungen für geplante veröffentlichungen und dergleichen. wir können bis heute nicht mit gewissheit sagen, was ihn dazu brachte, dann so unvermittelt mit dem schreiben aufzuhören. vielleicht war es der tod seiner mutter, der in diese zeit fiel und ihn, wie seine frau und enge freunde später berichteten, schwer getroffen hatte, ihn über monate hinweg förmlich zu lähmen schien. vielleicht war es der punkt seiner künstlerischen entwicklung, an dem er mit seiner letzten, nie veröffentlichten erzählung "abschreibung" angelangt war - über die er sich bis zu seinem tragischen ende beharrlich ausschwieg. vielleicht auch hatte er wirklich jene "offenbarung", von der er in einigen der immer seltenen intervies sprach, also eine art epiphanie oder erkenntnis, die ihm den weiteren weg wies. solange wir nichts davon mit bestimmtheit ausschließen können, werden wir annehmen, daß es das zusammenwirken mehrerer momente war, das die vielfältigen entwicklungslinien im leben istván vas' im herbst des jahres 1974 auf eine weise zusammenführte, die seine schreibweise so radikal zu ändern vermochte. denn die formulierung: "mit dem schreiben aufzuhören" ist natürlich irreführend, istván vas legte in den folgenden jahren großen wert auf die feststellung, daß er durchaus nicht das schreiben "aufgegeben" habe, wie es in den zeitschriften, die damals noch über ihn und sein werk berichteten - einige, wie man nun sagen muß: "reguläre" veröffentlichungen waren nicht unbeachtet geblieben, einige preise hatten das ihrige getan, ihn für die presse interessant zu machen -, gerne bezeichnet wurde. nichtsdestoweniger tat sich der literaturbetrieb mit istván vas' neuer "produktion" schwer; seine angebote, auch die neuen arbeiten zu veröffentlichen, stießen entweder auf achselzucken oder eher noch auf jene reaktionen, die menschen an den tag legen, wenn sie nicht ganz sicher sind, ob man sie nicht etwa vorzuführen versucht. weh Es war im Jahre 1624, da ward in Lüften eine seltsame Stimme gehört, die rief: Weh! weh über Pommerland! Weissagende Vögel erschienen, schneeweiß, von Farbe, nicht größer wie Schwalben, und wurden von mehreren Leuten gesehen und gehört. So vernahm eines Leinewebers Frau auf dem Wege von Kolbatz nach Selov eine warnende Vogelstimme. (quelle) echo wie sie die finger hält, kuppe an kuppe legend im wechsel, über die schwelle herz, deren schlag in die tiefe, dem leerlauf des möglichen eine decke zu geben. lücken hat ihr gewebe, daß sie das stolpern des anderen hören kann am benachbarten ort, das fallen der steine in die minuten und wie sich ringe bilden in der zeit. hellbraun stolz fühlte ich sich, den rehkörper im gras der lichtung in seinem rücken liegen zu haben. so fadig stieg der rauch aus dem brüten der sehnen, daß seine decke haut, ihr fell, kaum zeichen gab, die hätten ihn retten können aus der ordnung der borken, der hirnstammschrift. ich hatte sein grün in ihr bild abgelegt, das nicht kam und nicht ging, sein auge nicht welkte, nicht wurde es blasser, nicht sog seine wange ich auf en passant. nur im rehgang hatte es sich festgehakt, sehnen nach sich gezogen und im rücken das lächeln der gravitation: ein heller fleck in der mitte der lichtung. +/- deine schuppige haut, die verkarstete blindheit, an der sich die zeit die lippen zerreißt, wenn du sie durch die gitterwelt schiebst, wird nachts ein alter tonscherbentunnel, den die farben durchziehen und der stetig flüchtige klang, der durch die ritzen nach außen dringt und versickert im flußbett der dunkelheit, wenn nicht, wie manchmal, du wach neben dir liegst, ihn einzuatmen: eine tagesration. denn auf der kehrseite scheint die sonne, oder gibt vor zu scheinen, oder etwas gibt licht, das "sonne" zu nennen du eingeübt hast. da bringst du dich durch, trocknend und kauend, an der glätte vorbei, hinter die sich deine risse und drähte zurückziehen mit jedem morgengrauen. die welt ist ein echo, ein zerklüfteter ton, der aus allem dir zuwinkt: schau, das bist du! und hier, das bist du! dich kümmert das wenig, du atmest ihn ein, du klebst nach einem dir fremden muster die fetzen an die gebogene mauer, die du als binnenmeer zu nehmen gelernt hast, ohne zu fragen (und wer gäbe dir antwort?), wie deiner hand wasser so fest zu greifen gelingt. nur manchmal streift deinen blick ein glitzerndes schweigen und mit plötzlichem schauder, dem gedanken an kälte, drehst du dich landwärts und breitest dein tuch aus, bedeckst deinen baugrund (sand allenthalben) und wartest darauf, daß das licht vom himmel dich, deine schuppen, wieder erwärmt. ming und als ihr, unter meinem blick liegend nackt auf dem bett, ein feiner riß blutig quer im gesicht erschien, hatte ich wohl wieder einen satz gedacht, ihn aus der haut gerissen wie einen faden, dessen spur, dünnrote furche, jetzt sichtbar wurde. allerdings nicht für sie - man kann nicht sich selbst ins gesicht sehen, wie immer einem die spiegel sich auch zu erklären versuchen. sie schlug die augen auf und ihr blick zog mich abwärts und ich beugte mich langsam und küßte ihre wange - ihre haut war wie leinen, auf das jemand geweint hat. da saß ich also mit dem rücken zur tür und zog die fäden aus meinem letzten segel, mit dem ich es so weit geschafft hatte, dachte ich mir. so ruderte mich mein alltag um die wunde herum: zum fischen hinausfahren, den fang einladen, das segel spannen, zum strandhaus zurück, das tuch aufs lager werfen, die nähte auftrennen, etwas essen, dann ein fangnetz knüpfen, das boot in die see schieben, zum fischen hinausfahren. und es schien mir immer wie ein erstes mal, denn in der salzigen luft zerfällt alles sehr schnell. ... 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